03. Chucky

Ein Gnom unter vielen.

Der Boden unter seinen globigen Füßen aus Stahl rutscht ihm davon, so dass Chucky nach einer akrobatischen Meisterleistung die Erde küsst, wie sonst der Mond in diversen Gedichten, und ein meckerndes Lachen von sich gibt.

Die Welt um es herum verschwimmt, dreht sich ein bisschen, dreht sich in ihm, lässt es Achterbahn fahren, lässt es die Komplexität der Realität verspüren, raubt den um es herum existierenden Tatsachen die Glaubwürdigkeit, lässt es die Schwerkraft vergessen und taucht die Welt in ein paradoxes Licht, das sie nackt erscheinen lässt, nackt in ihrer unvergleichlichen Schönheit.

"Alles okay mit dir?" quakt ein benachbarter, also auf dem benachbarten Pflasterstein sitzender, grünbehaarter Gnom, der ihm kurz darauf eine weitere Flasche voller Zauberelexier in das Patschehändchen drückt.

"Ich fühl mich gut!" quietscht Chucky, indem es mit einer ausholenden Geste scheinbar die ganze Welt umarmt. Gnom Chucky kann so etwas: die ganze Welt umarmen. Oft findet die Milchstraße in seinen großzügigen Umarmungen Platz, manchmal das ganze Universum in seiner unendlichen Gesamtheit. Doch auch Ameisen kann Chucky umarmen, ohne ihnen weh zu tun oder sie gar zu verletzen. Sogar einzelne Atome oder die sogenannten Blubbblubbs umarmt Chucky so herzlich und vorsichtig, dass sie manchmal durch seine Berührungen vor Glück zerschmelzen und in den schlimmsten Fällen dadurch Naturkatastrophen auslösen.

Die bittere Flüssigkeit bahnt sich einen Weg durch Chuckys Hals, erfüllt es mit einem Schwindelgefühl, das vom linken Ohr zum rechten Fußzeh rast und macht es singen. Es singt in seiner eigenen Sprache, die sonst niemand versteht. Auch nicht die anderen Gnome, die sich trinkend und grölend in seiner unmittelbaren Nähe aufhalten.

Dieses wohlige Gefühl, nicht alleine zu sein. Chucky weiß zwar nicht, dass es ein Gnom ist, weiß aber durchaus, dass es nicht ist wie die meisten anderen Wesen. Früh musste es mit seiner Außenseiterrolle klar kommen und realisieren, dass sich in seinem kleinen Kopf Dinge abspielten, vor denen andere Wesen verschont blieben. Schnell musste es sich damit abfinden, dass andere Wesen sich Gedanken machten um Dinge, von denen es keine Ahnung hatte, weil diese Dinge für es keine Rolle spielten und es sie nicht kannte. Diese komischen Dinge wie Geschlecht, Aussehen, Stellung, Macht, Geld. Wörter, die es immer wieder hört, die es aber nicht versteht, weil sie für Chucky eine sinnlose Aneinanderreihung von Buchstaben sind, die definitiv keinen Sinn ergibt.

Denen, die um ihn herum sitzen, geht es ähnlich. Wenn sie auch den Sinn der sonderbaren Wörter verstehen, wollen sie sich mit deren Bedeutung nicht beschäftigen, und obgleich sie Chucky somit voraus sind, wertet es ihr Desinteresse als positives Zeichen.

In ihm fährt etwas Achterbahn. Chucky befindet sich seinem Gefühl nach in sich selbst, in seinem körperlosen Körper, hüpft durch die eigenen Gehirnwindungen, ruht sich im linken Zeigefinger aus und schlägt in der Seele Purzelbäume. Seine Umwelt befindet sich in ihm, existiert nur durch es und in seinem Kopf, so dass seine Augen sich um 180 drehen müssen, um nicht direkt ins Nichts zu starren, das in seiner Leere nur blind machen kann.

Chucky kehrt sein Inneres wieder nach außen.


04. Tommy

"Hey Tommy, muss das sein, dass du hier alles voll kotzt?" Wolf, dem die grünen Haare über die Augen fallen, wirft einen leicht angewiderten Blick zu dem Neuen und führt die Flasche zum Mund. "Hättest du ja gleich sagen können, dass du nicht so viel verträgst. Wäre auch jemand mit dir in die Tiefgarage gegangen, um dir Kotzhilfe zu leisten. Da gehen wir immer hin, dann versauen wir uns hier nicht so unser Wohnzimmer!"

Die Meute lacht und säuft und versteht nicht.

Tommy wollte auf der Straße leben. Will jetzt aber nicht mehr.

Der Junge, der die Freiheit suchte, steht auf und geht. Geht weg von den Punks, von denen er glaubte, sie könnten ihm zeigen, wo er die Freiheit finden kann. Da hat er sich geirrt.

"Pseudopunk!" hört er die eine sagen. Die, die Kette raucht und die Ratten aus ihrem Mund fressen lässt.

"Ihr wisst doch gar nicht, was Punk bedeutet", flüstert er so leise, dass ihn keiner hören kann, was auch besser ist, da er sich verhaspelt, betrunken wie er ist. Trinken ist auch nicht das Wahre. Hilft verdrängen, hilft vergessen, ändert aber nichts.

Tommy läuft weiter, egal wohin, nur nicht nach Hause. Zieht sich die Springerstiefel aus, hängt sie über seine Schultern, läuft barfuss weiter, um intensiven Kontakt zur Erde aufzubauen.

"Du musst nicht zum Psychiater", sagt seine Mutter immer. "Du musst dich nur erden. Hör auf, dich ständig mit solch hohen Dingen wie Psychologie und Philosophie zu beschäftigen. Tu lieber etwas Nützliches und räume dein Zimmer auf. Wenn du dich erdest, dann wird jeder Psychologe überflüssig."

Wie erdet man sich? Tommy spürt den Boden unter seinen Füßen ganz deutlich, spürt jeden kleinen Stein, spürt dank dem Alkohol aber keine Schmerzen. Er bleibt stehen, denkt sich seinen ganzen Körper, seinen ganzen Geist in die Füße. Und er fühlt sich einen kurzen Moment wonnig wohl, obwohl ihm schlecht ist und ganz schummrig. Aber als es vorbei ist, glaubt er noch immer, einen Psychologen nötig zu haben.

Dann lässt er sich dort nieder, wo er steht, ein grünes Fleckchen, auf dem sie ihn hoffentlich in Ruhe sitzen lassen werden. Die Leute schauen ja schon so komisch, wenn man in der Fußgängerzone sitzt, bei den Punks. Dann halten sie einen gleich für asozial. Wenn die wüssten, dass seine Eltern Architekten sind.

"Wer sagt, Freiheit herrscht, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht!" zitiert er lallend einen bekannten Philosophen, den er im Übrigen verehrt. Dann schließt er die Augen und versucht, nachzudenken, was ihm nicht ganz leicht fällt, da sämtliche Gedanken aus seinem Kopf zu fallen drohen, der so voll ist mit Schwingungen, die das viele Bier verursachte.

Tommy ist vierzehn und glaubt, zu alt für das Leben zu sein. Meint, schon alles gesehen zu haben. Er war schon verliebt, wurde schon verlassen, verließ schon. Scheiterte auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und auf der Suche nach der Freiheit. Er glaubt, zu wissen, wie die Welt sich dreht, glaubt, zu verstehen, wie der Mensch funktioniert. Tommy hat keine Lust mehr auf all das. Sucht immer weiter, obgleich er schon längst durchschaut hat, dass es nichts zu finden gibt.

Schon vor langer Zeit musste Tommy feststellen, dass er mit dem Leben, so wie es ihm gegeben war, nicht zurecht kam. Drum stellte er sich vor die Entscheidung: "Entweder ich verändere die Welt oder ich bringe mich um!" Jetzt, da er feststellen musste, dass er die Welt nicht verändern kann, da sie sich nicht verändern lassen will, weiß er nicht weiter. Und auf der Straße leben will er auch nicht mehr.

Von den Punks glaubte Tommy, sie wären wie er. Alle Hoffnungen hatte er in sie gesetzt. Glaubte, sie wären die einzigen Menschen, die nicht vollends egoistisch sind. Nun weiß Tommy, dass er sich nicht mehr hätte irren können. Abgerissene Wesen, für die Anarchie bedeutet, dass sie ihren Spaß haben können, ohne Rücksicht auf Verluste. Anarchie ist gleich Alkohol, Drogen, Spaß und Provokation Punkt. Der Egoismus in Person. Wer keine Regeln beachten muss, der muss auch nicht auf andere Menschen achten, kann ganz so leben, wie es ihm gerade passt und gefällt und wie ihm der Iro gewachsen ist.

Der Glaube an die Mitkämpfer verloren.

Seine Vision der zivilisierten Anarchie brach Gedankenstein für Gedankenstein zusammen. Friedliches Zusammenleben ohne Bevormundung und Machtpositionen, ohne Gewalt und Unterdrückung. Pffffff - die Luft ist raus.

Tommy schließt die Augen. Erstmal Rausch ausschlafen. Dann weitersehen. Denken ist zu anstrengend. Einfach nicht mehr denken und sein wie die anderen. Das ist am einfachsten.


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